Geschichte · Schaubildreihe
Preußen, Ost und West: James Hawes’ Thesen kritisch erklärt Warum ist die AfD im Osten stärker als im Westen? Der britische Germanist, Schriftsteller und Populärhistoriker James Hawes antwortet mit einer weit zurückreichenden Geschichtsdeutung.
Begleittext Nicht erst die DDR und die Wiedervereinigung, sondern ältere Erfahrungen östlich der Elbe hätten politische Einstellungen geprägt. Preußen spielt in seiner Erklärung die zentrale Rolle. Daraus leitet er auch seine weitreichende Prognose ab, die AfD werde im Westen nicht regieren.
Die Reihe erklärt zunächst seine Argumentation, prüft anschließend ihre Grenzen und unterscheidet zwischen Hawes’ Thesen, historischen Fakten und eigener politischer Bewertung. Grundlage ist der vom Nutzer bereitgestellte Text des Interviews von Philipp Daum in DIE ZEIT, aktualisiert am 12. September 2026. Die im Interview genannten Wahlergebnisse von 2026 werden hier nicht als eigenständig geprüfte Tatsachen übernommen. Für den belegten regionalen Unterschied wird auf die Bundestagswahl 2025 zurückgegriffen.
#Bild 1 – Zwei historische Prägungen
Hawes widerspricht der Vorstellung, der heutige Ost-West-Unterschied sei hauptsächlich ein Ergebnis der deutschen Teilung nach 1945. Er beschreibt zwei viel ältere Erfahrungsräume: einen länger gefestigten westlichen Lebensraum und einen östlichen Raum, den er mit Expansion, Herrschaft und Unsicherheit verbindet. Historische Einstellungen könnten seiner Ansicht nach über viele Generationen erhalten bleiben.
Damit lenkt er den Blick auf lange historische Entwicklungen. Der Nachweis einer fortdauernden Wirkung bis zur heutigen Wahlentscheidung ist jedoch etwas anderes als eine überzeugend erzählte Geschichte. Das Interview liefert dafür keine umfassende empirische Prüfung. [1]
#Bild 2 – Die Elbe als Bruchlinie
Für Hawes steht die Elbe symbolisch für den Übergang in einen historischen Eroberungs- und Siedlungsraum. Die deutsche Expansion in slawisch besiedelte Gebiete deutet er als koloniales Verhältnis: Eine herrschende Gruppe habe über andere Bevölkerungsgruppen regiert und deren Aufstand gefürchtet. Daraus sei ein Denken in einer bedrohten eigenen Gemeinschaft und gefährlichen anderen Gruppen entstanden.
Entscheidend ist seine behauptete Wirkungskette: Herrschaft und Unsicherheit führen zu Abgrenzung; diese Abgrenzung wird kulturell weitergegeben; später könne sie für politische Mobilisierung genutzt werden. Das ist seine historische Interpretation. Die beigefügte Elbkarte zeigt den heutigen Flussverlauf und das Einzugsgebiet. Sie zeigt weder mittelalterliche Staatsgrenzen noch eine nachgewiesene kulturelle Trennlinie. [1; K1]
#Bild 3 – Warum Preußen für ihn so wichtig ist
Preußen ist bei Hawes mehr als eine frühere ostdeutsche Macht. Es ist der Staat, der nach seiner Deutung sein autoritäres Modell auf andere deutsche Regionen ausgedehnt hat. Er verbindet Preußen mit Militär, Gehorsam, Verwaltungsmacht und den ostelbischen Junkern, also adeligen Großgrundbesitzern. Diese gesellschaftliche Hierarchie habe autoritäre Einstellungen begünstigt.
Den Krieg von 1866 und die Reichsgründung 1871 erzählt er deshalb als Durchsetzung preußischer Macht. Seine zugespitzte Wertung lautet, Preußen sei das „Übel Deutschlands“. Historisch belegt sind Preußens Sieg 1866 und die anschließenden Annexionen von Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt. Ob damit eine durchgängige Erklärung des deutschen Autoritarismus gewonnen ist, bleibt eine andere Frage. Nicht alle deutschen Staaten kämpften 1866 gegen Preußen; es hatte auch deutsche Verbündete. [1; 2]
Die Karte von 1871 ist hierfür besonders aufschlussreich: Rot markiert Preußen, das auch Rheinland und Westfalen umfasste. Preußen war also kein mit der späteren DDR deckungsgleicher Staat. Die Karte erklärt seine territoriale Bedeutung und macht zugleich eine Grenze der einfachen Gegenüberstellung von Westen und preußischem Osten sichtbar. [K2]
#Bild 4 – Wie Verlusterfahrungen weitergegeben werden könnten
Hawes nimmt die Familie als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Erzählungen über Flucht, Vertreibung oder Heimatverlust könnten auch Menschen prägen, die diese Ereignisse selbst nicht erlebt haben. Als Beispiel nennt er Björn Höckes familiäre Verbindung zu Ostpreußen. Hawes interpretiert sie als Hintergrund heutiger Verlustängste und der Vorstellung, die eigene Gemeinschaft werde verdrängt.
Diese Interpretation wird hier ausschließlich als Hawes’ Erklärung wiedergegeben. Aus einer Familiengeschichte lässt sich keine gesicherte psychologische Ursache einer politischen Haltung ableiten. Die Darstellung ist keine Diagnose Höckes und keine allgemeine Aussage über Vertriebene, ihre Nachkommen oder Ostdeutsche. Auch die Bezugnahme auf Muslime beschreibt Hawes’ Deutung einer Bedrohungsvorstellung, keine tatsächliche Bedrohung durch diese Bevölkerungsgruppe. [1]
#Bild 5 – DDR und Russland
Hawes behandelt die sowjetische Herrschaft nach 1945 als Fortsetzung älterer Erfahrungen. Er beschreibt sie zugespitzt als Umkehrung eines früheren Herrschaftsverhältnisses. Eine ältere Angst vor Fremdherrschaft aus dem Osten sei dadurch bestätigt worden. Heutige Russlandbilder erklärt er mit einer Mischung aus Furcht vor einer gefährlichen Macht und Bewunderung für deren autoritäre Ordnung.
Diese Deutung erklärt, warum er der DDR in seiner Erzählung vergleichsweise wenig eigenständiges Gewicht gibt. Genau das ist kritisch zu prüfen: Vier Jahrzehnte Diktatur, Sozialisation und Lebensgestaltung sowie die Veränderungen seit 1990 dürfen nicht lediglich als Wiederholung einer älteren Geschichte behandelt werden. Die zeitgenössische Karte vom Mai 1990 zeigt die beiden deutschen Staaten und den besonderen Status Berlins. Sie belegt staatliche Teilung, keine unveränderliche kulturelle Grenze. [1; K3]
#Bild 6 – Seine Hoffnung auf eine „Impfung“
Hawes hofft, eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt könnte andere Regionen abschrecken. Seine Erwartung ist, dass eine solche Regierung erhebliche negative Folgen hervorbringen würde. Im Interview nennt er „Chaos, Korruption, Gesetzlosigkeit“. Diese Worte sind seine Vorhersage, keine hier festgestellten Regierungsergebnisse oder belegten Vorwürfe gegen bestimmte Personen.
Der von ihm erhoffte Ablauf ist konkret: Die AfD übernimmt Regierungsverantwortung; die Öffentlichkeit in anderen Regionen beobachtet die von ihm erwarteten Folgen; dort wenden sich Menschen von der Partei ab, möglichst vor der nächsten Bundestagswahl. Er räumt ein, dass die Partei in ihrem eigenen Regierungsgebiet trotzdem stark bleiben könnte. Seine Abschreckungshoffnung richtet sich somit vor allem auf den Rest Deutschlands.
Davon zu unterscheiden ist seine feste Prognose für den Westen. Sie begründet er mit dessen anderer historischer Prägung. Ein bislang geringerer Stimmenanteil reicht jedoch nicht aus, um eine künftige Regierungsbeteiligung auszuschließen. Das Interview liefert weder für diese Prognose noch für den erhofften Abschreckungseffekt einen belastbaren Nachweis. [1]
#Bild 7 – Historische Gegenargumente
Erstens stimmen Hawes’ Bezugsräume nicht überein: östlich der Elbe, Preußen, Ostpreußen und die frühere DDR sind unterschiedliche geografische und historische Räume. Zweitens war Preußen in der Weimarer Republik unter Otto Braun auch eine wichtige Stütze der Demokratie. Die Absetzung seiner Regierung durch den „Preußenschlag“ vom 20. Juli 1932 zeigt, dass seine Geschichte nicht auf Gehorsam und Autoritarismus reduziert werden kann. [2; 3; K2]
Drittens erklären regionale Wahlerfolge der NSDAP allein nicht Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. Seine Partei verfügte über keine eigene parlamentarische Mehrheit. Die Entscheidungen Hindenburgs und konservativer Machtträger waren für den Zugang zur Regierung entscheidend. Diese Gegenargumente widerlegen nicht jede Bedeutung historischer Prägung, begrenzen aber Hawes’ pauschale Erzählung. [4]
#Bild 8 – Jüngere Erfahrungen und heutige Politik
Bei der Bundestagswahl 2025 wurde die AfD nach Zweitstimmen in allen fünf ostdeutschen Flächenländern stärkste Partei. Das regionale Gefälle ist damit belegt; seine Ursache ist dadurch noch nicht geklärt. Berlin ist in dieser Aussage ausdrücklich nicht eingeschlossen. [5]
Eine umfassendere Erklärung muss auch DDR-Erfahrungen, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruch seit 1990, Abwanderung, Anerkennung, Repräsentation und aktuelle politische Mobilisierung untersuchen. Diese Faktoren können unterschiedlich zusammenwirken. Marcus Böicks Beitrag zum Umbruch nach 1990 bietet hierfür zusätzliche historische Einordnung. Auch innerhalb Ostdeutschlands unterscheiden sich Erfahrungen und politische Entscheidungen. Aus dem Wohnort folgt keine festgelegte Haltung. [6; eigene Einordnung]
#Bild 9 – Regieren führt nicht sicher zur „Entzauberung“
Annina Hermes und Heike Klüver berichten in einem Arbeitspapier von 2025, dass Regierungsbeteiligung die untersuchten Parteien der extremen Rechten im Durchschnitt stärkte. Andreas Bergh und Anders Kärnä finden in ihrer 2026 veröffentlichten Studie dagegen durchschnittliche Stimmenverluste nach Regierungsbeteiligung, die für populistische und andere Parteien ähnlich ausfallen. [7; 8]
Die Untersuchungen betrachten unterschiedliche Länder, Parteiengruppen und Forschungsansätze. Ihre Ergebnisse sind keine direkt vergleichbaren Vorhersagen für die AfD. Besonders wichtig für Hawes’ Argument ist die Unterscheidung zwischen den Wahlfolgen für eine regierende Partei und einem Abschreckungseffekt in anderen Regionen: Ein solcher Effekt ist mit diesen Befunden nicht nachgewiesen. Als eigene Folgerung ergibt sich, dass eine Regierungsbeteiligung keine verlässliche Strategie zur Schwächung der AfD darstellt.
#Bild 10 – Politische Bewertung
Hawes macht darauf aufmerksam, dass regionale Unterschiede eine Geschichte haben. Problematisch wird seine Erklärung, wenn daraus unverä
Nachweise
Quellen und Einordnung Quellen und Kartenlizenzen
Stand der Zusammenstellung: 12. September 2026
#Textquellen
[1] Philipp Daum: Interview mit James Hawes, „Im Westen wird die AfD nicht regieren“, DIE ZEIT, aktualisiert am 12.09.2026, 5:45 Uhr. Arbeitsgrundlage: vollständiger, vom Nutzer bereitgestellter Interviewtext. Ein direkter Artikel-Link wurde nicht bereitgestellt; es wird kein Link erfunden.
[2] Deutsches Historisches Museum / LeMO: Deutscher Krieg 1866.
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/reaktionszeit/deutscherbund/deutschekrieg
[3] Deutsches Historisches Museum / LeMO: Der „Preußenschlag“ 1932.
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/preussenschlag-1932
[4] Deutsches Historisches Museum / LeMO: Ernennung Hitlers zum Reichskanzler.
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung-der-ns-herrschaft/ernennung-hitlers-zum-reichskanzler
[5] Die Bundeswahlleiterin: Bundestagswahl 2025, endgültige Ergebnisse, Zweitstimmen, Länderübersicht und Länderergebnisse.
https://www.bundeswahlleiterin.de/bundestagswahlen/2025/ergebnisse/bund-99.html
Sachsen-Anhalt:
https://www.bundeswahlleiterin.de/bundestagswahlen/2025/ergebnisse/bund-99/land-15.html
[6] Marcus Böick: Leuchttürme im blauen Meer. Bundeszentrale für politische Bildung, Deutschland Archiv, 16.10.2025.
https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/571786/leuchttuerme-im-blauen-meer/
[7] Annina Hermes / Heike Klüver: Taming the Far Right? Government Inclusion Strengthens Rather Than Weakens Far-Right Parties. Arbeitspapier, November 2025.
DOI: 10.31235/osf.io/3mtxs_v1
https://doi.org/10.31235/osf.io/3mtxs_v1
Autorinnen-Seite mit Zusammenfassung:
https://heike-kluever.com/workingpapers/
Die Einordnung stützt sich auf die dort veröffentlichte Zusammenfassung; das Arbeitspapier wird nicht als bereits begutachteter Zeitschriftenartikel bezeichnet.
[8] Andreas Bergh / Anders Kärnä: A hangover like any other: the cost of ruling for populist parties. Public Choice, veröffentlicht am 25.08.2026.
https://link.springer.com/article/10.1007/s11127-026-01458-7
DOI: 10.1007/s11127-026-01458-7
#Karten: Herkunft, Änderungen und Lizenz
[K1] Elbkarte – Datei Karten/Elbe_Einzugsgebiet_heutige_Orientierung.png
Titel: Elbe basin.png
Urheber: NordNordWest; Bearbeitungen: Ulamm.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Elbe_basin.png
Lizenz: Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Verwendung in Bild 2: proportional verkleinert und in ein Schaubild mit eigenen Texten eingebettet; Kartengeometrie und Beschriftung unverändert. Die separate Datei entspricht der heruntergeladenen PNG. Die Karte ist eine heutige geografische Orientierung, keine mittelalterliche Karte.
[K2] Preußenkarte – Dateien Karten/Preussen_im_Deutschen_Reich_1871.svg und Karten/Preussen_im_Deutschen_Reich_1871.png
Titel: Prussia in the German Reich (1871).svg
Urheber: Milenioscuro; spätere Grenzkorrektur: Alphathon.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Prussia_in_the_German_Reich_(1871).svg
Lizenz: Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Änderungen: SVG für die PNG-Darstellung gerastert; in Bild 3 proportional verkleinert und mit eigener Überschrift, Legende und Erklärung eingebettet. Grenzen und Farbzuordnung wurden nicht redaktionell verändert. Rot zeigt Preußen im Deutschen Reich 1871, einschließlich seiner westlichen Gebiete; Hell zeigt andere deutsche Staaten, Grau Nachbarstaaten, Blau Gewässer.
Die eigenen Beiträge zu den vollständigen Schaubildern 2 und 3 werden ebenfalls unter CC BY-SA 3.0 bereitgestellt. Bei Weitergabe sind diese Zusammenstellung, die genannten Kartenurheber, der Quell-Link, der Lizenz-Link und die vorgenommenen Änderungen anzugeben. Die Lizenz erweckt keine Zustimmung der Kartenurheber zu den politischen Aussagen der Reihe. Für die übrigen Dateien wird hier keine abweichende pauschale Kartenlizenz erklärt.
[K3] Karte der deutschen Teilung – Datei Karten/Deutsche_Teilung_Mai_1990.jpg
Titel: East Germany and West Germany.
Urheber: United States Central Intelligence Agency (CIA), Mai 1990.
Library of Congress, Signatur G6080 1990 .U4:
https://www.loc.gov/item/91685645/
Downloadnachweis und Scan:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:East_Germany_and_West_Germany._LOC_91685645.jpg
Gemeinfrei als Werk einer US-Bundesbehörde. In Bild 5 sind die äußeren Scanränder beschnitten und die Karte proportional verkleinert; die Kartengeometrie bleibt erhalten. Die separate JPG enthält den vollständigen heruntergeladenen Scan. Die Karte zeigt den Stand Mai 1990, nicht die mittelalterliche Elbgrenze oder eine kulturelle Grenze.
Die Quellen werden zur Einordnung genannt. Originaltexte aus DHM, bpb und Forschungsarbeiten sind nicht als vollständige Artikel im Paket enthalten.
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