Politik · Schaubildreihe
ENTZAUBERT REGIERUNGSVERANTWORTUNG DIE EXTREME RECHTE? Die Hoffnung auf Entzauberung klingt zunächst plausibel: Wer regiert, muss Entscheidungen treffen, mit begrenztem Geld umgehen und Kompromisse schließen. Enttäuschte Erwartungen könnten Zustimmung kosten. Daraus folgt jedoch keine verlässliche Strategie zur dauerhaften Schwächung einer Partei.
Begleittext Annina Hermes und Heike Klüver berichten in ihrem Preprint von 2025 einen anderen Befund: Bei einer Untersuchung von 1.237 Kabinetten in 57 Demokratien zwischen 1976 und 2023 finden sie nach Regierungsbeteiligungen der extremen Rechten im Durchschnitt etwa sechs Prozentpunkte zusätzliche Zustimmung bei der folgenden Wahl. Diese Darstellung folgt dem Abstract. Der vollständige Studientext war für die vorliegende Einordnung nicht abrufbar; die Einzelanalysen wurden deshalb nicht unabhängig geprüft. Die verlinkte Arbeit wird als Working Paper beziehungsweise Preprint geführt.
Andreas Bergh und Anders Kärnä berichten in einer am 25. August 2026 veröffentlichten Zeitschriftenarbeit hingegen durchschnittliche Stimmenverluste von etwa 4,5 bis fünf Prozentpunkten nach Regierungsbeteiligungen. Sie vergleichen populistische und etablierte Parteien in 32 europäischen Ländern zwischen 1980 und 2023 und finden ähnliche Regierungskosten für beide Gruppen. Auch dieses Ergebnis liefert keine Garantie eines dauerhaften Niedergangs populistischer Parteien.
Die beiden Befunde dürfen nicht als unmittelbarer Gegenbeweis gegeneinander ausgespielt werden. Parteiengruppen, Länderauswahl und statistische Vergleichsverfahren unterscheiden sich. Die vorliegende Reihe klärt den genauen Grund der abweichenden Effekte nicht abschließend. Sie zeigt, weshalb eine pauschale Berufung auf eine vollständig einheitliche Forschungslage problematisch ist.
Normalisierung bezeichnet eine Veränderung politischer Wahrnehmung und Akzeptanz. Sie ist von inhaltlicher Mäßigung zu unterscheiden. Ein Befragungsexperiment von Laia Balcells, Sergi Martínez und Ethan vanderWilden zur spanischen Partei Vox fand, dass eine Darstellung als normale Partei die negative Wirkung bestimmter extremer Aussagen gegen LGBTQ+-Menschen abschwächen konnte. Für die untersuchten Aussagen zur Franco-Diktatur zeigte sich dieser Effekt nicht. Der Befund ist themenabhängig und keine unmittelbar übertragbare Prognose für Deutschland.
Internationale Durchschnittswerte sagen den Ausgang einer AfD-Regierungsbeteiligung in einem deutschen Bundesland nicht voraus. Die konkrete Machtverteilung, Koalitionspartner, politische Entscheidungen, öffentliche Kontrolle und politische Konkurrenz müssen gesondert betrachtet werden.
Die vorsichtige gemeinsame Aussage der Reihe lautet: Auf eine automatische und dauerhafte Entzauberung durch Regierungsverantwortung lässt sich nicht verlässlich bauen. Das Schlussbild formuliert eine ausdrücklich politische Bewertung: Demokratische Parteien sollten konkrete Probleme lösen, Macht kontrollierbar halten, Grundrechte achten und Beteiligung stärken. Dies ist kein statistisch geprüftes Erfolgsrezept.
Nachweise
Quellen und Einordnung Eigenständige Zusammenfassung und Einordnung; keine Wiedergabe des ZEIT-Artikels. Die Illustrationen sind KI-generierte symbolische Szenen. Die dargestellten Menschen sind keine Porträts der genannten Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler. Die Szenen sind keine dokumentarischen Belege. Forschungsbefund, methodische Einordnung und politische Bewertung werden unterschieden. Eine pauschale Garantie rechtlicher Unangreifbarkeit wird nicht abgegeben.
QUELLEN
1. Annina Hermes / Heike Klüver (2025): Taming the Far Right? Government Inclusion Strengthens Rather Than Weakens Far-Right Parties. Preprint, 13. November 2025.
https://doi.org/10.31235/osf.io/3mtxs_v1
Abstract auf der Website der Autorin:
https://heike-kluever.com/workingpapers/
2. Andreas Bergh / Anders Kärnä (2026): A hangover like any other: the cost of ruling for populist parties. Public Choice. Veröffentlichung: 25. August 2026.
https://doi.org/10.1007/s11127-026-01458-7
3. Laia Balcells / Sergi Martínez / Ethan vanderWilden (2025): Discounting extreme positions: party normalization and support for the far right. Political Science Research and Methods. Onlineveröffentlichung: 16. April 2025; Heftveröffentlichung 2026.
https://doi.org/10.1017/psrm.2025.29
4. Lenz Jacobsen (2026): Jetzt lasst sie halt mal machen? – Das geht nach hinten los. DIE ZEIT, 7. September 2026. Anlass und journalistischer Ausgangspunkt; vollständiger Text vom Nutzer bereitgestellt.
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-09/rechte-regierungen-entzauberung-politikwissenschaft-heike-kluever
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